#OrganisierteLiebe und die Wut auf mein Schweigen

Vorhin habe ich mir endlich den großartigen und wichtigen Vortrag “#OrganisierteLiebe” von Kübra Gümüşay angeschaut. Für die wenigen unter euch, die ihn noch nicht gesehen haben. Hier:

Ich selbst werde mir diesen Vortrag noch einige Male anschauen. Ich werde ihn noch einige Male anschauen müssen, denn ich bin gescheitert. Ich habe es nicht geschafft mich gegen jemanden zu stellen, dessen Worte Widerspruch verlangt hätten.

LETZTE WOCHE

Wir waren in der vergangenen Woche auf einer Hochzeit. Sie fand an zwei Terminen statt, so dass wir länger vor Ort blieben. Wie es bei Hochzeiten so üblich ist, gibt es einige Reden, die oft auch mehr oder weniger lustig sind. Wir hatten das große Pech einer der schlimmsten Reden, die man überhaupt anlässlich einer Hochzeit halten kann, zu hören. Gehalten wurde sie vom Vater der Braut. Sein erster Satz:

“Wir sind dir, Stefan, dankbar, dass du unsere Tochter genommen hast.”

Und in so einem Ton verlief die Rede weiter. Eine Rede, die er nicht niedergeschrieben (und auch nicht vorbereitet hat), wie er selbst eingangs sagte. Zum Bräutigam sagte er, dass er noch Hoffnung habe, dass auch er, der Bräutigam, noch ein richtiger Mensch werden würde (weil er jetzt auch endlich lernt handwerkliches Geschick zu entwickeln). Seine Rede endete damit, dass er an seine Tochter die Worte richtete:

“Wir sind froh, dass du ihn angeschleppt hast und nicht irgendeinen Türken oder Schwarzen.”

Seine Frau brach daraufhin die Rede ab. Das Lachen blieb den meisten Gästen spätestens bei dem Satz im Halse stecken. So auch mir.

AM NÄCHSTEN TAG

Wir übernachteten in einem großen Ferienhaus. Das Brautpaar und die jeweiligen Eltern sind zu Besuch um gemeinsam zu frühstücken. Schnell kam das Gespräch auf eine der beiden Trauzeuginnen zu sprechen. Der Brautvater fing wieder an zu reden. Ich bekomme nicht mehr alles zusammen, aber unter anderem fielen folgende Sätze:

“Die Melanie hat ja früher auch für jeden die Beine breit gemacht. Die war ein richtiges Flittchen.”

“Ich habe ja von einer Studie gehört, dass Männer gar nicht anders können, als aufreizend angezogenen Frauen hinterher zu gucken. Das ist quasi in uns angelegt. Die mit den dicksten Titten garantieren gute Aufzucht der Jungen.”

“Die Melanie hat ja auch zwei schlagkräftige Argumente!”

Mir blieb die Spucke weg und das einzige, was ich tat war, beschämt gen Boden zu blicken und den Kopf zu schütteln. Er sitzt da, äußert sich wiederholt sexistisch und rassistisch und was mache ich? NICHTS! Es machte mich so wütend, dass ich den Kopf einzog und nichts tat.

Die letzten Worte aus dem Vortrag von Kübra lauten:
“Weil das Schweigen im Angesicht des Hasses ein Zustimmen ist.“

Indem ich nicht widersprach, stimmte ich ihm zu. Und ich schäme mich so sehr dafür. Und ich bin noch immer so wütend auf mich. Meine Frau widersprach ihm zum Glück und forderte mich mit Blicken auf ihr gleich zu tun. Aber ich schwieg. Und sie war anschließend wütend auf mich. Zu recht.

Kurz darauf twitterte ich:

Und jetzt schaue ich mir gleich nochmal den Vortrag an. Und nochmal. Und nochmal. Und ich muss üben den Mund auf zu machen.