Wie aus Impfgegner*innen Kämpfer*innen für den Datenschutz werden

 

„Du kannst ja mit deinem Kind einfach zuhause bleiben. Du musst ja nicht raus gehen in die Öffentlichkeit, wenn du dir Sorgen machst, dass es dann krank werden kann.“

Worte einer Mutter aus unserem Kinderladen zum Thema Masern. Unser Kind ist 7 Monate alt und damit noch zu klein zum Impfen. Und diese andere Mutter ist – vielleicht – Impfgegnerin. Ich weiß es nicht, da sie nicht sagen will, ob ihr Kind geimpft ist oder nicht.

Das Thema begann vor 2 Wochen, kurz nachdem für Berlin die Warnung herausgegeben wurde – auf Grund der Masernepidemie – mit Säuglingen die Öffentlichkeit zu meiden, vor allem Orte mit vielen Menschen. Unser Großkind geht in den Kinderladen – ein Ort mit so einigen Menschen – und meine Frau muss sie leider häufiger hin bringen, weil ich derzeit an 12 Tagen im Monat arbeite. Nun kann sie aber Baby nicht einfach zuhause lassen, wenn sie Großkind in den Laden bringen will, sondern muss es natürlich mitnehmen. Wir dachten uns also, dass wir die Eltern der Kinderladenkinder kurz per Mail unsere Sorge mitteilen. Gleichzeitig wollten wir wissen, wie denn der Impfstatus der anderen Kinder so aussieht und ob wir, aber auch zwei weitere Familien mit Säuglingen, bedenkenlos mit den Babys in den Kinderladen kommen können. Ganz harmlos diese Anfrage, so dachten wir.

WIR HATTEN JA KEINE AHNUNG!

1-2 Eltern antworteten relativ schnell und gaben Entwarnung: die Kinder sind durchgeimpft. Ein Vater schrieb auch, dass man ja nicht nur nach dem Status der Kinder, sondern auch der Eltern fragen sollte, da diese natürlich auch Überträger sein können. Recht hatte er.

Dann aber kam die erste interessante Mailantwort:

„Der Impfstatus unterliegt dem schützenswerten Persönlichkeitsrecht.“

Genau.

Meine Frau antwortete sehr freundlich und verständnisvoll auf diese Mail und betonte, dass es ihr um keine Diskussion um das Für und Wider von Impfungen ginge. Aber es kam keine Antwort.

Heute nun traf ich auf die Verfasserin der Mail und nachdem wir über alle anderen wichtigen Dinge gesprochen haben (es war das Vorstandstreffen vom Kinderladen), kamen wir auch noch auf das Thema Impfen, da es beim nächsten Elternabend besprochen werden soll. Und sehr schnell gerieten wir aneinander. Was ich am spannendsten an der Diskussion fand war die Tatsache, dass wir tatsächlich nicht über Impfen an sich gesprochen haben, sondern sie sehr schnell auf das Thema Datenschutz und Schutz der Persönlichkeitsrechte kam. Sie hat sich und auch andere Impfgegner*innen als Verteidiger*innen dieser Persönlichkeitsrechte hingestellt.

„Heutzutage werden wir von allen Seiten überwacht und Listen über uns angefertigt. Da ist es einfach wichtig, nicht alles von sich preis zu geben.“

Nicht vergessen: es geht hier einzig und allein um eine kurze Info darüber, ob man bedenkenlos mit einem Baby in einen Kinderladen gehen kann! Daraus bastelte sie (und übrigens auch eine andere Mutter aus dem Kinderladen) einen Angriff auf den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte. Sie war plötzlich ein Opfer und wir die Täter, die ihr ungeheuerliche Dinge abverlangt haben.

Und als ihr nichts mehr einfiel kam dann die Aussage vom Eingang: „Bleibt doch zuhause, wenn ihr euch Sorgen macht.“

Ja, sicher. Wir haben ja kaum eine andere Wahl. Wegen Leuten wie den Eltern dieses Kindes, die nicht nur daran beteiligt sind, dass sich diese Masern weiter ausbreiten können, sondern sich dann auch noch aufschwingen als Retter*innen. Sie entfachen ein kleines, buntes Ablenkungsmanöver und fühlen sich auch noch gut dabei. Und ich könnte nur noch kotzen.

  1. Fau Pfarrer

    Lieber Herr Pfarrfrau, es ist schwierig mit der Impferei. Ich verstehe eure Ängste absolut -auch ich möchte nicht, dass mein 4 Monate altes Baby Masern bekommt. Dennoch würde auch ich den Impfstatus genau so wenig per Mail an alle interessierten Mitbürger verschicken wie meine Temperaturkurve oder die Kontoauszüge. Ich bin jetzt auch kein militanter Impfgegner, der sich an Verschwörungstheorien beteiligt welche von Molkereimitarbeitern gerne verbreitet werden (vgl. Tolzin). Als Hebamme gehöre ich allerdings auch einer tendenziell weniger impffreudigen Gruppe an:-) Leider ist es wirklich so, dass sich die Masern auch mit noch höheren Durchimpfungsraten nicht ausrotten lassen: weil es auch Tiere gibt, die das Wildvirus fröhlich weiter verbreiten; weil die MMR Impfung relativ nebenwirkungsreich ist und deswegen für einige Kinder ausdrücklich nicht empfohlen wird etc.
    Brechen die Masern im Kinderladen aus ist es egal ob Babykind mitgeht oder nicht -man kann es nicht zu 100% abschotten. Wenn die Mama aber selber echte Masern hatte und stillt ist durchaus ein gewisser Schutz vorhanden. Nach dem 1. Geburtstag beginnt dann zum Glück auch eine Zeit in der die Masern wesentlich seltener zu Komplikationen führen und ihr aufatmen könnt.
    Liebe Grüße von Frau Pfarrer, Mutter eines „nur“ vierfach geimpften Kindes die sich aus Sorge um Impfnebenwirkungen und Krankheitskomplikationen Tage lang in die Impfstoffstudien auf pubmed eingearbeitet hat.

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