#regrettingfatherhood – auch du, Vater?

Ich kenne deinen Namen, aber nicht dich. Bereust du es eigentlich, dass es mich gibt?

Als ich 18 wurde schrieb ich meinem Vater einen Brief. Er war kurz und wenig emotional, aber ich wollte einen kleinen Faden zu ihm spinnen. Etwas, das eine Verbindung zwischen uns herstellen könnte. Aber schon mit der Anrede war ich heillos überfordert.

„Lieber Papa,“

„Lieber Franz,“

„Hallo Papa,“

Ach verdammt! Wie schreibt man denn jemanden an zu dem man keine Beziehung hat, aber irgendwie doch? Ich wusste es damals nicht und entschied mich dann zu:

„Hallo Franz,“

Es folgten ein paar Zeilen über meine schulischen Leistungen und ich schickte eine Kopie vom letzten Zeugnis mit. Ich hatte die Hoffnung, dass er daran vielleicht ein wenig anknüpfen kann und wir einen ersten Punkt haben über den wir ins Gespräch kommen. Ich war naiv.

Einige Wochen später kam ein Brief von ihm. Ich war nervös. Sehr nervös. Ich öffnete den Brief und entnahm einen Fünfzeiler mit folgender Botschaft:

„Bitte sende mir auch zukünftig deine Zeugnisse, damit ich weiß, ob ich dir weiter Unterhalt bezahlen muss.“

Aber das war nicht genug, denn es folgte ein P.S.:

„Was fällt dir eigentlich ein mich mit ‚Hallo Franz‘ anzusprechen? Hast du keinen Anstand?“

Mich traf der Schlag. Ich konnte nicht glauben, dass er diese Zeilen wirklich geschrieben hat. Bis heute fällt es mir schwer das zu glauben. Ich konnte und kann nicht begreifen, wie man zu seinem eigenen Kind so eine Distanz aufbauen kann. Er lebt sein Leben und weiß nichts darüber, dass eins seiner Kinder (er hat zwei weitere) verheiratet ist. Er weiß nichts darüber, dass ich zwei Kinder habe und ihn das zum Opa macht. Er weiß nichts über mein Leben, meine Träume und Wünsche. Er wusste es nie und es hat ihn – vermutlich – auch nie interessiert. Oder tue ich ihm damit unrecht?

Ich, als Vater von zwei Kindern, kann mir kaum vorstellen, was alles passiert sein muss, damit man sich nicht mehr für das eigene Kind interessiert. Das man es komplett aus seinem Leben verbannt und auch auf einen Kontaktversuch schroff und abweisend reagiert. Das Problem ist: ich werde es vermutlich auch niemals von ihm erfahren. Ich habe nicht mehr den Mut es ein zweites Mal zu probieren. Ich habe Angst davor, dass er wieder so reagiert – oder gar nicht. Mehrmals spielte ich mit dem Gedanken: „Vielleicht sollte ich ihm eine Einladung zur Hochzeit schicken? Oder wenigstens eine Karte nach der Hochzeit?“ oder „Vielleicht sollten wir ihm ein Foto von unserer 1. Tochter schicken?“ oder „Jetzt haben wir zwei Kinder. Sollten wir ihm schreiben?“.

Aber ich kann nicht. Ich will nicht. Und er auch nicht. Meine Adresse hat er, das weiß ich. Allein er nutzt sie nicht.

Also Franz…  Also Vater: Bereust du es, dass es mich gibt?

  1. Da musste ich heute doch sehr schlucken. Mir ging es damals sehr ähnlich. Als ich mit 17 Jahren endlich den Mut aufbrachte mich an meine Großmutter zu wenden, da nach allen mir bekannten Informationen mein Erzeuger sich irgendwo im Ausland aufhielt passierte erstmal …nichts. Gar nichts. Ich erhielt über 1 1/2 Jahre lang keine Reaktion.

    Als ich dann doch eine bekam, traf mich fast der Schlag. Ich erhielt einen Anruf ( damals hatte ich gerade einen Ausbildungsberuf angefangen) und stand im Geschäft als sich mir eine telefonische Tirade ergoss, dessen Tenor nur war: Ich taugte als Kind nix, da ich kein Abi hatte, ich taugte als Mensch nichts, weil ich den mir zustehenden und nie erhaltenen Unterhalt eingefordert hatte und Anstand besaß ich ohnehin nicht, weil ich all das einer Dritten Peron geschrieben hatte.
    Ich weiß, er hatte inzwischen eine neue Familie und da wohl auch mehrere Kinder. Mehr weiß ich allerdings nicht über meine Familie, und diese hat sich auch nie wieder für mich interessiert. Offensichtlich war ich der väterlichen Seite nie wert genug, sich um mich zu bemühen. In dem Fall gehe ich doch sehr davon aus, dass dieser Mann sehr wohl bereut, mich gezeugt zu haben.

  2. Uff, Herr Pfarrfrau, was für ein emotionaler Artikel. Ich musste ganz schön schlucken. Nein, ich denke nicht, dass Franz deine Zeugung bereut. #regrettingfatherhood – geht das nicht nur, wenn man als Vater den Sohn auch kennt? Wenn man damit hadert, so viele Einschränkungen zu erleben, weil da ein Kind an einem klebt und man für alle Zeit für es verantwortlich ist? Aber Verantwortung, die hat der Franz ja nie übernommen, schon gar keine emotionale. Für diese Art der Reue ist er viel zu weit weg von dir. Ist das gut? Ist das schlecht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass du trotz Franz‘ Totalausfall ein guter Mensch geworden bist. Ein toller, engagierter, involvierter, vielleicht ein bisschen zu protektiver ( 😉 ) Papa. Einer, den sich jedes Kind nur wünschen kann. Ob du das nun trotz oder wegen Franz‘ Distanz geworden bist, weiß ich nicht. Aber eins ist klar: Franz ist der Verlierer in eurer Beziehung: Einen so fantastischen Sohn nicht kennengelernt zu haben, das ist definitiv bereuenswert.

  3. Pingback: Wundheilungsstörung | Andrea Harmonika

  4. Andrea Enderlein

    Ich habe erst überlegt, ob ich überhaupt was schreiben soll, aber da mein Ältester in einer ähnlichen Situation ist, hab ich mich dafür entschieden. Ich hab seid Jahren keinen Kontakt zum Erzeuger meines Sohnes. Kontaktversuche zu den Großeltern, wurden immer mit „netten “ Ausreden abgeblogt. Ich frage mich aber, soll ich mich mehr bemühen, soll ich einen Kontakt herbeizuführen, obwohl die Gegenseite offensichtlich kein Interesse hat. Inzwischen weiß ich , daß mein Exfreund geheiratet hat und noch drei Kinder bekommen hat. Wie war es für Dich ? Hast Du Dir im Nachhinein gewünscht, Deine Mutter hätte sich mehr um Kontakt bemüht? Mein Sohn ist fast 16 und versteht mittlerweile dass das Interesse nur auf seiner Seite besteht. Wie sollte ich mich Deiner Meinung nach Verhalten?
    Lieben Gruß
    Andrea

    • Hallo Andrea,

      ich kann dir natürlich nicht raten, was du machen solltest. Bei mir war es so, dass meine Mama meinen Kontaktversuch weder unterstützt noch behindert hat. Sie hat mich machen lassen, war über die Antwort meines Vaters dann aber auch gar nicht überrascht. Ich hatte mir damals aber auch nicht gewünscht, dass sie sich da mehr unterstützen sollte. Ich hatte auch gedacht, dass wenn der Kontakt über mich läuft, er dann vielleicht offener für eine „Beziehung“ ist als wenn meine Mama da im Hintergrund werkelt.

      Vielleicht kann ich dir da also nur einen Tipp geben: Frag doch mal deinen Sohn, was er sich von dir wünschen würde?

      Viele Grüße!

  5. Aada K. Lopez

    Mein Vater mag mich auch nicht. Für ihn existiere ich nicht einmal. Und genauso wenig seine beiden Enkel. Er hatte mich nie so akzeptiert, wie ich bin, was es für mich auch so schwer machte, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Mittlerweile fällt mir das allerdings leichter, seit der Kontakt ganz eingefroren war. Mein Vater wollte mich auch nicht. Das hat er mir auch immer wieder ganz deutlich zu verstehen gegeben. Und so etwas hinterlässt furchtbar tiefe Narben in der Seele. Ich bin nur froh, dass meine Kinder es da viel viel besser haben.

    • Ich finde es echt furchtbar das zu hören, wie dein Vater zu dir steht, aber wie schön zu lesen, dass es deinen Kindern besser geht! 🙂

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