„Papa, warum betest du so traurig?“

Triggerwarnung: Im folgenden Text geht es um zwei Fehlgeburten.

Frühjahr 2004.

Ich mache meinen Zivildienst im OP-Bereich eines Krankenhauses und bin zu dem Zeitpunkt schon bald ein halbes Jahr da. Viele „Standard“-Operationen finden statt und zum Glück wenige Notfälle. Das sollte sich an einem Freitag ändern.

Ein Notruf traf ein. Eine junge Frau war in einem Verkehrsunfall verwickelt. Das Auto in dem sie saß wurde von einem anderen Auto angefahren. Sie ist hochschwanger. Alles musste schnell gehen. Der OP-Saal wurde vorbereitet, die Ärzt*innen und das Pflegepersonal standen bereit. Schon vorab war die größte Sorge aller vor Ort, ob es dem Baby gut gehe, ob die Versorgung weiterhin funktioniere.

Als die Frau dann eintraf ging alles ganz schnell. Binnen weniger Minuten konnte das Baby geholt werden. Aber die Befürchtungen hatten sich bestätigt. Das Baby konnte nicht gerettet werden. Der Geburtstermin sollte in wenigen Tagen sein.

Über dem gesamten OP-Trakt lag ein lähmendes Schweigen. Keine*r der Anwesenden konnte auch nur ein Wort sagen. Viele Tränen flossen in den Minuten und Stunden danach. Alle wurden aus ihrer Routine gerissen. Auch ich musste immer wieder weinen. Stand unter Schock und fühlte mich so hilflos. Ich hatte unendliches Mitleid mit der Frau. Es war so ungerecht. Das Baby sollte doch nur wenige Tage später zur Welt kommen. Es sollte leben.

Stattdessen kam alles ganz anders. Ein wahrer Alptraum.

April 2015.

Mich erreicht ein Anruf einer sehr guten Freundin. Das Baby sollte die nächsten Tage zur Welt kommen.

„Papa, warum betest du so traurig?“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen