Fragen, Reden, Gespräche: Der Kampf gegen meine Sprachlosigkeit

Meine Oma beging Suizid als ich 3 Jahre alt war.

Ich erfuhr davon erst jetzt – mit 30 Jahren. Weitere Nachfragen nach den genauen Umständen wurden schnell wieder von meinem Stiefvater abgeblockt bevor meine Mutter sich groß in Rage reden konnte und eher über ihre Geschwister schimpfte. Nachdrücklich im Gedächtnis blieb mir beim Gespräch aber , auf meine Aussage hin, dass ich das ja noch gar nicht alles wusste und immer dachte, sie wäre eher am Alkohol zugrunde gegangen (was jetzt auch nicht unbedingt die tollste Geschichte wäre), nur ein Satz meiner Mutter:

„Darüber sprechen wir halt nicht.“

Meine Antwort: „Darum frage ich ja.“

Fragen, Reden, Gespräche: die Familie in der ich groß geworden bin, kann das nicht so gut. Über Themen reden, die bedeutend sind. Solche Themen wurden schon immer gerne ausgeblendet. Darüber sprachen wir nicht. Meine Frau ist immer wieder verwundert, wie wenig Gespräche und Diskussionen in meiner Familie existieren. Ich empfinde es auch so, dass wir als Familie erschreckend wenig miteinander reden. Schon immer. Dem geringen Mitteilungsbedürfnis entgegen steht z.B. der große Wunsch meiner Mutter mehr am Leben meines älteren Bruders teilzuhaben: „Er erzählt ja nichts.“ Fragen stellen tut sie aber auch nicht.

Falls man aber meinem Bruder wirklich einmal Fragen stellt, erhält man Antworten mit denen man nicht viel anzufangen weiß. Überwuchert von lauter Sarkasmus verbirgt sich irgendwo der Hauch einer Wahrheit, einer Information über ihn und seine Gefühle. Nachfragen führt nur zu einer weiteren Welle an Sarkasmus, die die vorherige noch überlagert, so dass man am Ende vom Gespräch nicht einmal sagen kann, ob auch nur irgendeine Aussage stimmt. An meines Bruders Kern zu gelangen erscheint unmöglich. Auch meine Frau, qua Profession qualifiziert Gespräche zu führen, verzweifelt hier auch gerne.

Wir reden nicht über Gefühle, wir reden nicht über Konflikte – ja, wir hatten in all den Jahren zuhause niemals Konflikte. Das es so etwas überhaupt geben kann ist mir jetzt, nach 10 Jahren außer Haus, unbegreiflich. Und eigentlich kann es so etwas auch nicht geben. Orte, an denen es keine Konflikte gibt, sind Orte in denen man nicht miteinander spricht. Entweder, weil man nicht will, oder weil man nicht kann: „Darüber sprechen wir halt nicht.“

Kommunikation fällt mir noch immer sehr schwer. Konflikte austragen sowieso, davon kann meine Frau ein Lied singen. Ich habe zuhause nicht gelernt zu kommunizieren, zu diskutieren oder zu streiten. Mir fällt es noch immer schwer. Ich kämpfe ständig gegen meine Schwäche ausführlich zu reden und zu schreiben an. Mit wenigen Sätzen versuche ich oft alles notwendige auszudrücken. Leider bleiben dabei viele Informationen, Gedanken und Gefühle auf dem Weg liegen. Der dann erbrochene Satz lässt oft viel vermissen – nicht nur korrekte Grammatik. Viel vor allem von dem, was ich eigentlich zu sagen hätte, aber nicht kann.

An der Uni hatte ich Schwierigkeiten damit eigene Gedanken zu formulieren. Meine besten Hausarbeiten waren die, bei denen ich möglichst viele fremde Quellen (korrekt) zitieren und in einen logischen Zusammenhang bringen konnte. Selbstständig etwas niederzuschreiben, zu formulieren, zu entwickeln führte mir oft vor Augen, was ich nicht kann.

Und heute – nachdem ich elf Jahre vom Elternhaus weg bin, acht Jahre mit meiner Frau zusammen bin (die mich zum reden und streiten auffordert), drei Jahre nach meinem Master-Abschluss und drei Jahre mit zwei eigenen Kindern – fürchte ich mich immer noch vor dem Reden, Diskutieren und dem Niederschreiben von Gedanken. Immer schwingt die Angst mit, nicht zu genügen. Ich lese täglich so viele Texte, so viele wundervolle Gedanken in anderen Blogs, bei Facebook oder Twitter, und immer bleibt der Wunsch hängen: ich will meine Gedanken auch so strukturiert und lesenswert niederschreiben und äußern können.

Jeder selbstverfasste Text ist ein Schritt. Ein Schritt weg von der Sprachlosigkeit mit der ich aufwuchs und die mich ständig begleitet.

  1. irgendwiejuna

    Hier, das ist der erste Schritt. Das Schreiben hilft, half auch mir. Schreib, Du kannst es.

    Und das Schweigen? Es ist nicht ungewöhnlich. Du wirst es besser machen mit Deinen Kindern.

  2. Wow, Herr Pfarrfrau – einfach nur wow. Was für ein Text. Er berührt mich und ich möchte dir virtuell die Wange streicheln. Guck auf deinen Text, du kannst es ja. Du kannst über deine Gefühle reden, du benennst deine Schwierigkeiten so präzise beim Namen, dass man als Leser in dein Herz sehen kann. Selten las ich einen so guten Beitrag, wie diesen, deinen. Danke!

  3. Reden hilft. Und schreiben auch. Und dieser nahegehende Text ist der beste Beweis, dass es einen Weg heraus aus der Sprachlosigkeit gibt. Danke fürs Gedanken teilen!

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